Japan-Tagebuch 32: Tokio im Eiltempo, Hakone zum Durchatmen

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21. Oktober 2026 · Kanazawa – Tokio – Odawara – Hakone

Gestern habe ich mich noch gefragt, was beim Umsteigen in Tokio länger halten würde: unser Zeitpolster oder unsere Nerven. Heute kennen wir die Antwort. Wir haben den Anschluss geschafft. Aber der Bahnhof Tokio hat dafür gesorgt, dass wir uns das anschließende Onsen-Retreat redlich verdient haben.

Anneliese und unser Gepäck warten auf den Zug.
Anneliese und unser Gepäck warten auf den Zug.
Am Bahnsteig: die Markierung für Wagen 11.
Am Bahnsteig: die Markierung für Wagen 11.
Der Shinkansen fährt ein.
Der Shinkansen fährt ein.

Treppauf, treppab – mit dem halben Haushalt

Von Kanazawa geht es über Tokio nach Odawara. Auf dem Papier eine Zugverbindung. In der Praxis zwischendurch ein kleiner Hindernislauf: Treppen hinauf, Treppen hinunter, umsteigen, orientieren, weiter. Die Hallen sind vollgepackt mit Menschen, überall Schlangen und Bewegung. Und mittendrin Anneliese und ich mit unserem doch sehr umfangreichen Gepäck.

Sich da durchzuwühlen, ist schon ein besonderes Reiseerlebnis. Der Bahnhof Tokio bekommt von mir jedenfalls einen eigenen Platz im Tagebuch. Nicht unbedingt unter Entspannung.

Der Umstieg wird knapp. Und die japanischen Züge haben eine Eigenschaft, die man bewundert, solange man schon drinsitzt: Sie fahren auf die Sekunde genau. Auf unserer bisherigen Reise habe ich noch keine Verspätung erlebt, nicht einmal eine Minute. Beeindruckend. Mit mehreren Koffern und einem schrumpfenden Zeitpolster nimmt man diese Präzision allerdings noch einmal ganz anders wahr.

Geschafft: Anneliese und ich sitzen im Zug.
Geschafft: Anneliese und ich sitzen im Zug.

Vom Bahnhof mitten ins Grün

Schließlich sitzen wir im Zug, und um die Mittagszeit kommen wir gut in Odawara an. Von dort bringt uns ein Taxi nach Hakone. Nach dem Gedränge in Tokio wirkt die Fahrt zu unserem Retreat wie ein allmähliches Herunterdrehen der Lautstärke.

Das KAI Hakone liegt direkt am Fluss, zwischen bewaldeten Berghängen. Wunderschön und sehr naturnah. Hier schaut man ins Grün, auf Bäume und Wasser. Ein erstaunlicher Wechsel der Kulisse innerhalb weniger Stunden.

In Hakone erwartet uns ein ganz anderer Blick: bewaldete Hänge und der Fluss.
In Hakone erwartet uns ein ganz anderer Blick: bewaldete Hänge und der Fluss.
Steine, Bäume und ruhige Wege im KAI Hakone.
Steine, Bäume und ruhige Wege im KAI Hakone.

Viel Platz, wenig Abstand zum Boden

Unser japanisches Refugium ist groß, fast wie eine kleine Wohnung. Ein sehr geschmackvoller Wohnraum, viel Platz und diese ruhige Gestaltung, die gerade nach einem solchen Reisetag besonders wohltuend ist.

Geschlafen wird fast am Boden. Nicht direkt auf der Tatami-Matte, sondern auf einer sehr niedrigen Matratze. Auch das gehört zum Wechsel der Perspektive: Am Vormittag ging es im Bahnhof ständig auf und ab. Für die Nacht bleiben wir vorsichtshalber näher am Boden.

Anneliese im Eingangsbereich unseres japanischen Retreats.
Anneliese im Eingangsbereich unseres japanischen Retreats.
Eine kleine Holzterrasse mitten im Grün.
Eine kleine Holzterrasse mitten im Grün.

Jetzt darf der Tag langsamer werden

Ein Onsen gehört ebenfalls dazu. Das warme Bad mit dem Blick ins Grüne passt ziemlich gut zu dem, was wir uns nach der heutigen Anreise wünschen. Dazu bietet das Haus verschiedene kulturelle Aktivitäten an.

Das Onsen-Becken mit Blick ins Grüne.
Das Onsen-Becken mit Blick ins Grüne.
Bambus und eine Steinlaterne zwischen den Gebäudeteilen.
Bambus und eine Steinlaterne zwischen den Gebäudeteilen.

Für den Moment sind wir einfach froh, angekommen zu sein. Die Koffer dürfen stehen bleiben. Der Fluss fließt weiter. Und wir müssen heute keinem Zug mehr hinterher.

21. Oktober 2026 · Ein Festmahl im KAI Hakone

Am Abend setzte das KAI Hakone noch einen drauf. Was uns serviert wurde, war kein gewöhnliches Hotelessen, sondern ein opulentes japanisches Festmahl.

Gang für Gang kam auf den Tisch, sorgfältig angerichtet in wunderschönen Schalen. Ein Teil wurde direkt vor uns zubereitet – ruhig, aufmerksam und mit jener Präzision, die in Japan selbst das Essen fast zu einer kleinen Zeremonie macht.

Vor allem aber war es köstlich. Die Qualität war außergewöhnlich, und wir haben diesen Abend sehr genossen. Dafür ein großes Kompliment an das KAI Hakone: Nach dem Abenteuer Bahnhof war das ein ziemlich eleganter Beweis, dass Reisen auch durch den Magen wieder zur Ruhe kommen kann.

Lackschale wird geöffnet – der erste Gang.
Lackschale wird geöffnet – der erste Gang.
Ein fein angerichteter Auftakt.
Ein fein angerichteter Auftakt.
Noch eine kleine Schale, noch eine Überraschung.
Noch eine kleine Schale, noch eine Überraschung.
Der Hauptgang kommt direkt auf den Tisch.
Der Hauptgang kommt direkt auf den Tisch.
Zubereitung am Tisch – ruhig, aufmerksam, präzise.
Zubereitung am Tisch – ruhig, aufmerksam, präzise.
Der Tisch füllt sich, wir werden stiller.
Der Tisch füllt sich, wir werden stiller.
Ein süßer Abschluss in einer kleinen Schachtel.
Ein süßer Abschluss in einer kleinen Schachtel.

22. Oktober 2026 · Hakone: der Weg zum Lake Ashi

Heute sollte es mit der Seilbahn Richtung Lake Ashi gehen. Das klingt zunächst elegant. Die Wirklichkeit hatte allerdings ihren eigenen Fahrplan: kein Taxi, deshalb erst Zug, dann Bus – und dazu eine Wartezeit, die ich unterwegs ziemlich eindeutig als „Nightmare“ bezeichnete.

Als ich mich meldete, saßen wir noch immer in der Seilbahn und begannen gerade den Abschnitt hinunter zum Lake Ashi. Hakone zeigt uns damit nicht nur Natur, sondern auch die fernöstliche Kunst der Geduld. Essen, Schiffsfahrt und Rückweg waren zu diesem Zeitpunkt noch offen – also keine voreiligen Erfolgsberichte.

Inzwischen sitze ich in einem Restaurant und schaue auf die Schiffe. Draußen drängen sich nach meiner Schätzung Zehntausende Touristen, Taxis sind weiterhin Fehlanzeige. Eines ist aber klar: Ich bin nicht bis an den See gekommen, um nun im Bus zurückzufahren. Über das Wasser soll es gehen. Ob und wie wir tatsächlich an Bord kommen und zurück ins Hotel gelangen, bleibt in diesem Augenblick noch offen.

Lange Warteschlange am Hakone-Tozan-Bus in Hakone
Die Warteschlange am Hakone-Tozan-Bus: eine von vielen Geduldsproben dieses Tages.

Und dann doch: über den See

Am Ende hat Hakone seinen eigenen Hindernislauf daraus gemacht. Zuerst Bus und Zug, dann zwei Bergbahn- beziehungsweise Seilbahnabschnitte. Dazwischen immer wieder Schlangen: zusammengerechnet standen wir mehr als eineinhalb Stunden an. Dafür öffnete sich oben der Blick auf die dampfende Vulkanlandschaft – und sogar der Fuji zeigte sich zwischen den Wolken.

Anneliese an der Bushaltestelle Kuzuhara in Hakone
Anneliese an der Haltestelle Kuzuhara – der Tag beginnt bodennah.
Rote Bergbahn in Hakone
Die rote Bergbahn kommt.
Rote Bergbahn auf der Strecke in Hakone
Noch einmal Schienen, Steigung und Geduld.
Große Warteschlange in Hakone
Eine der Warteschlangen: Hakone war an diesem Tag bestens besucht.
Dampfende Vulkanlandschaft in Hakone
Dampf und nacktes Gestein in der Vulkanlandschaft.
Berg Fuji zwischen Wolken von Hakone aus gesehen
Fuji zwischen den Wolken – kurz, aber unverkennbar.

Hinunter zum Lake Ashi wurde es nicht weniger voll. Wir aßen erst etwas und gingen dann tatsächlich an Bord eines der Piratenschiffe. Weil ein wenig Komfort nach so viel Stehen nicht schadet, leisteten wir uns die erste Klasse. Anneliese und ich saßen vorne im ruhigeren Bereich, während draußen See, Berge und Ufer vorbeizogen.

Blick auf Lake Ashi in Hakone
Lake Ashi liegt vor uns.
Anneliese am Anleger mit einem Piratenschiff auf Lake Ashi
Anneliese am Anleger mit dem Piratenschiff.
Kurt vor dem Piratenschiff auf Lake Ashi
Jetzt wirklich an Bord.
Kurt und Anneliese auf dem offenen Deck des Schiffes auf Lake Ashi
Auf dem offenen Deck: Sonne, Berge und sehr viele Mitreisende.
Kurt und Anneliese im Erste-Klasse-Bereich des Schiffes
Erste Klasse – nach anderthalb Stunden Anstehen durchaus verdient.
24 Sekunden Lake Ashi in Bewegung.
Ufer und Anleger von Moto-Hakone am Lake Ashi
Moto-Hakone am Ufer des Sees.
Szene beim Umsteigen an einer Bushaltestelle in Hakone
Auch beim Umsteigen gab es allerhand zu sehen.

In Moto-Hakone war die Reise noch nicht ganz gewonnen. Zwei Busse brachten uns schließlich zurück zum KAI Hakone. Als wir dort ankamen, wartete der Tee um vier – ein erstaunlich ziviler Schlusspunkt nach einem Tag, der uns neben wunderbaren Aussichten vor allem die japanische Kunst des Anstehens beigebracht hatte.

Garten und Tee im KAI Hakone
Zurück im KAI Hakone: Tee um vier im Garten.

Nicht sammeln, sondern erleben

Was mir dieser Tag noch einmal sehr deutlich gemacht hat: Einen solchen Andrang habe ich bei Sehenswürdigkeiten auf meinen Reisen noch nirgends erlebt – nicht einmal in Machu Picchu. Japan kann in dieser Hinsicht wirklich extrem sein. Ich bin allerdings kein Trophäenjäger, der jede Sehenswürdigkeit von einer Liste streichen muss. Mir geht es darum, Orte genussvoll und sinnvoll zu erleben. Wenn aus einem Ausflug nur noch ein Wettlauf durch Menschenmassen wird, darf man deshalb ruhig langsamer werden, umplanen oder auch einmal etwas auslassen. Der See, die Fahrt und der Tee waren mir an diesem Tag wichtiger als ein weiterer Haken auf einer Liste.


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