21. Oktober 2026 · Kanazawa – Tokio – Odawara – Hakone
Gestern habe ich mich noch gefragt, was beim Umsteigen in Tokio länger halten würde: unser Zeitpolster oder unsere Nerven. Heute kennen wir die Antwort. Wir haben den Anschluss geschafft. Aber der Bahnhof Tokio hat dafür gesorgt, dass wir uns das anschließende Onsen-Retreat redlich verdient haben.



Treppauf, treppab – mit dem halben Haushalt
Von Kanazawa geht es über Tokio nach Odawara. Auf dem Papier eine Zugverbindung. In der Praxis zwischendurch ein kleiner Hindernislauf: Treppen hinauf, Treppen hinunter, umsteigen, orientieren, weiter. Die Hallen sind vollgepackt mit Menschen, überall Schlangen und Bewegung. Und mittendrin Anneliese und ich mit unserem doch sehr umfangreichen Gepäck.
Sich da durchzuwühlen, ist schon ein besonderes Reiseerlebnis. Der Bahnhof Tokio bekommt von mir jedenfalls einen eigenen Platz im Tagebuch. Nicht unbedingt unter Entspannung.
Der Umstieg wird knapp. Und die japanischen Züge haben eine Eigenschaft, die man bewundert, solange man schon drinsitzt: Sie fahren auf die Sekunde genau. Auf unserer bisherigen Reise habe ich noch keine Verspätung erlebt, nicht einmal eine Minute. Beeindruckend. Mit mehreren Koffern und einem schrumpfenden Zeitpolster nimmt man diese Präzision allerdings noch einmal ganz anders wahr.

Vom Bahnhof mitten ins Grün
Schließlich sitzen wir im Zug, und um die Mittagszeit kommen wir gut in Odawara an. Von dort bringt uns ein Taxi nach Hakone. Nach dem Gedränge in Tokio wirkt die Fahrt zu unserem Retreat wie ein allmähliches Herunterdrehen der Lautstärke.
Das KAI Hakone liegt direkt am Fluss, zwischen bewaldeten Berghängen. Wunderschön und sehr naturnah. Hier schaut man ins Grün, auf Bäume und Wasser. Ein erstaunlicher Wechsel der Kulisse innerhalb weniger Stunden.


Viel Platz, wenig Abstand zum Boden
Unser japanisches Refugium ist groß, fast wie eine kleine Wohnung. Ein sehr geschmackvoller Wohnraum, viel Platz und diese ruhige Gestaltung, die gerade nach einem solchen Reisetag besonders wohltuend ist.
Geschlafen wird fast am Boden. Nicht direkt auf der Tatami-Matte, sondern auf einer sehr niedrigen Matratze. Auch das gehört zum Wechsel der Perspektive: Am Vormittag ging es im Bahnhof ständig auf und ab. Für die Nacht bleiben wir vorsichtshalber näher am Boden.


Jetzt darf der Tag langsamer werden
Ein Onsen gehört ebenfalls dazu. Das warme Bad mit dem Blick ins Grüne passt ziemlich gut zu dem, was wir uns nach der heutigen Anreise wünschen. Dazu bietet das Haus verschiedene kulturelle Aktivitäten an.


Für den Moment sind wir einfach froh, angekommen zu sein. Die Koffer dürfen stehen bleiben. Der Fluss fließt weiter. Und wir müssen heute keinem Zug mehr hinterher.
21. Oktober 2026 · Ein Festmahl im KAI Hakone
Am Abend setzte das KAI Hakone noch einen drauf. Was uns serviert wurde, war kein gewöhnliches Hotelessen, sondern ein opulentes japanisches Festmahl.
Gang für Gang kam auf den Tisch, sorgfältig angerichtet in wunderschönen Schalen. Ein Teil wurde direkt vor uns zubereitet – ruhig, aufmerksam und mit jener Präzision, die in Japan selbst das Essen fast zu einer kleinen Zeremonie macht.
Vor allem aber war es köstlich. Die Qualität war außergewöhnlich, und wir haben diesen Abend sehr genossen. Dafür ein großes Kompliment an das KAI Hakone: Nach dem Abenteuer Bahnhof war das ein ziemlich eleganter Beweis, dass Reisen auch durch den Magen wieder zur Ruhe kommen kann.
22. Oktober 2026 · Hakone: der Weg zum Lake Ashi
Heute sollte es mit der Seilbahn Richtung Lake Ashi gehen. Das klingt zunächst elegant. Die Wirklichkeit hatte allerdings ihren eigenen Fahrplan: kein Taxi, deshalb erst Zug, dann Bus – und dazu eine Wartezeit, die ich unterwegs ziemlich eindeutig als „Nightmare“ bezeichnete.
Als ich mich meldete, saßen wir noch immer in der Seilbahn und begannen gerade den Abschnitt hinunter zum Lake Ashi. Hakone zeigt uns damit nicht nur Natur, sondern auch die fernöstliche Kunst der Geduld. Essen, Schiffsfahrt und Rückweg waren zu diesem Zeitpunkt noch offen – also keine voreiligen Erfolgsberichte.
Inzwischen sitze ich in einem Restaurant und schaue auf die Schiffe. Draußen drängen sich nach meiner Schätzung Zehntausende Touristen, Taxis sind weiterhin Fehlanzeige. Eines ist aber klar: Ich bin nicht bis an den See gekommen, um nun im Bus zurückzufahren. Über das Wasser soll es gehen. Ob und wie wir tatsächlich an Bord kommen und zurück ins Hotel gelangen, bleibt in diesem Augenblick noch offen.

Und dann doch: über den See
Am Ende hat Hakone seinen eigenen Hindernislauf daraus gemacht. Zuerst Bus und Zug, dann zwei Bergbahn- beziehungsweise Seilbahnabschnitte. Dazwischen immer wieder Schlangen: zusammengerechnet standen wir mehr als eineinhalb Stunden an. Dafür öffnete sich oben der Blick auf die dampfende Vulkanlandschaft – und sogar der Fuji zeigte sich zwischen den Wolken.






Hinunter zum Lake Ashi wurde es nicht weniger voll. Wir aßen erst etwas und gingen dann tatsächlich an Bord eines der Piratenschiffe. Weil ein wenig Komfort nach so viel Stehen nicht schadet, leisteten wir uns die erste Klasse. Anneliese und ich saßen vorne im ruhigeren Bereich, während draußen See, Berge und Ufer vorbeizogen.







In Moto-Hakone war die Reise noch nicht ganz gewonnen. Zwei Busse brachten uns schließlich zurück zum KAI Hakone. Als wir dort ankamen, wartete der Tee um vier – ein erstaunlich ziviler Schlusspunkt nach einem Tag, der uns neben wunderbaren Aussichten vor allem die japanische Kunst des Anstehens beigebracht hatte.

Nicht sammeln, sondern erleben
Was mir dieser Tag noch einmal sehr deutlich gemacht hat: Einen solchen Andrang habe ich bei Sehenswürdigkeiten auf meinen Reisen noch nirgends erlebt – nicht einmal in Machu Picchu. Japan kann in dieser Hinsicht wirklich extrem sein. Ich bin allerdings kein Trophäenjäger, der jede Sehenswürdigkeit von einer Liste streichen muss. Mir geht es darum, Orte genussvoll und sinnvoll zu erleben. Wenn aus einem Ausflug nur noch ein Wettlauf durch Menschenmassen wird, darf man deshalb ruhig langsamer werden, umplanen oder auch einmal etwas auslassen. Der See, die Fahrt und der Tee waren mir an diesem Tag wichtiger als ein weiterer Haken auf einer Liste.