
STOP WAITING · KLARTEXT
Ein persönlicher Kommentar von Kurt Gassner · 1. November 2026
Wir wollten, dass sie es einmal besser haben. Haben wir vergessen, sie auf das Leben vorzubereiten?
Ein Tiger sitzt im weich gepolsterten Kinderwagen. Hinten schieben wir Eltern und Großeltern. Vorne steht eine Mauer: Realität. Der Tiger brüllt. Wir schauen überrascht. Dabei haben wir ihn doch selbst dorthin geschoben.
Dieses Bild geht mir durch den Kopf, wenn ich über Ansprüche, Generationen und die jüngsten Proteste nachdenke. Haben wir Anspruchstiger großgezogen? Und bevor jetzt jemand zustimmend auf „die Jugend“ zeigt: Der erste Finger zeigt auf uns. Ich nehme mich ausdrücklich nicht aus.
Die Scheiben sind kaputt. Die Erklärung ist damit noch nicht fertig.
Am 31. Oktober demonstrierten viele junge Menschen in Deutschland friedlich. In Frankfurt kam es später zu schweren Ausschreitungen und Plünderungen. Nach den Berichten der hessenschau hatte die Mehrheit der späteren Randalierer nicht am Demonstrationszug teilgenommen; Veranstalter distanzierten sich von der Gewalt. Wer daraus ein Charakterzeugnis für eine gesamte Generation macht, macht es sich zu leicht.
Für eingeschlagene Schaufenster gibt es keine Entschuldigung durch Zukunftsangst. Aber aus Krawallbildern lässt sich auch keine gemeinsame Erziehungsgeschichte der Täter ablesen. Sie sind der Anlass für meine Frage, nicht der Beweis für meine Antwort.
Mich beschäftigt eine Haltung, die über diese Ereignisse hinausgeht: die Überzeugung, ein gutes Leben stehe einem zu – und wenn es ausbleibt, müssten vor allem andere dafür geradestehen.
Wir wollten es gut machen. Haben wir zu viel abgenommen?
„Unsere Kinder sollen es einmal besser haben.“ Wer von uns hat das nicht gedacht? Bessere Bildung, mehr Möglichkeiten, weniger Entbehrungen. Ein verständlicher, guter Wunsch.
Nur: Haben wir „besser“ irgendwann mit „leichter“ verwechselt? Haben wir zu oft Hindernisse beseitigt, bevor unsere Kinder lernen konnten, sie zu überwinden? Enttäuschungen abgefangen, bevor sie den Umgang damit üben konnten? Wünsche erfüllt, ohne über die Arbeit zu sprechen, die ihre Erfüllung möglich macht?
Ich stelle diese Fragen als Vater und Großvater. Es wäre bequem, heute über Ansprüche zu schimpfen und dabei auszublenden, welchen Anteil unsere Fürsorge, unsere Ungeduld und manchmal auch unser schlechtes Gewissen daran gehabt haben könnten.
Wenn aus dem Wunsch, Kindern Chancen zu eröffnen, das Versprechen eines Lebens ohne Zumutungen wird, bereiten wir eine Enttäuschung vor. Die Welt unterschreibt dieses Versprechen nicht.
Vielleicht haben wir ihnen zu oft gezeigt, wie man Wünsche erfüllt bekommt – und zu selten zugetraut, mit einem Nein weiterzuleben.
Wohlstand hat eine Vorgeschichte
Ich bin Jahrgang 1950, ein Nachkriegskind. Meine Generation kennt Aufbaujahre, Arbeit und Unsicherheit. Wir haben später auch vom Wirtschaftswunder und von Möglichkeiten profitiert, die uns entgegenkamen. Beides gehört zur Wahrheit. Ebenso die Krisen, etwa die Ölkrise 1973, die uns daran erinnerte, wie schnell Selbstverständlichkeiten ins Wanken geraten.
Wer heute auf den Besitz eines Siebzigjährigen schaut, sieht einen gegenwärtigen Zustand. Er sieht nicht automatisch die Jahrzehnte dahinter: Arbeit, Sparen, Entscheidungen, Risiken, Rückschläge. Allerdings sieht er auch nicht automatisch Glück, Erbschaften oder günstige Bedingungen. Ein ehrlicher Generationenvergleich muss beides betrachten.
Dasselbe gilt für junge Menschen. Eine Kindheit mit vielen Möglichkeiten garantiert keine bezahlbare Wohnung und keinen geraden Berufsweg. Und längst nicht alle hatten eine behütete Kindheit. Faire Bildungschancen und ein bezahlbares Leben zu fordern, ist noch keine verwöhnte Anspruchshaltung.
Anspruchstiger ist eine Haltung, kein Geburtsjahrgang
Die pauschale Erzählung von einer leistungsunwilligen Jugend überzeugt mich ebenfalls nicht. In der Shell-Jugendstudie 2024 erklärten zwei Drittel der Befragten, viel arbeiten zu wollen, wenn sie dadurch mehr Geld verdienen können. Das passt schlecht zur Behauptung, eine ganze Generation wolle nur kassieren.
Mit „Anspruchstiger“ meine ich deshalb jene Haltung, die aus jedem Wunsch eine Forderung und aus jeder Grenze eine persönliche Kränkung macht. Sie kann im Kinderzimmer entstehen. Sie kann aber ebenso im Chefsessel sitzen oder im Ruhestand weiterleben.
Genau deshalb hat dieser Text zwei Adressaten.
An uns Ältere: Haben wir Selbstständigkeit gefördert oder Abhängigkeit bequem gemacht? Haben wir Gemeinsinn vorgelebt? Können wir unsere eigenen Vorteile benennen, ohne deshalb unsere Lebensleistung kleinzureden?
An die Jungen: Ihr habt eure Erziehung nicht gewählt. Aber als Erwachsene entscheidet ihr mit darüber, was ihr daraus macht. Prüft das ganze Bild. Eure Schwierigkeiten gehören dazu. Eure Möglichkeiten auch. Lautstärke ersetzt weder ein Argument noch den eigenen Beitrag.
STOP WAITING heißt auch: Verantwortung nicht vertagen
Niemand muss sich mit schlechten Verhältnissen abfinden. Man kann protestieren, sich organisieren und Veränderungen verlangen. Gleichzeitig bleibt die Frage: Was kann ich selbst beginnen, lernen, beitragen?
Für mich gehört das zum Kern von STOP WAITING. Wir verlieren Handlungsspielraum, wenn wir ihn vollständig davon abhängig machen, dass zuerst die anderen liefern.
Der Tiger im Kinderwagen muss irgendwann aussteigen. Und wir, die ihn geschoben haben, müssen lernen, ihm das zuzutrauen.
Wir müssen uns fragen, was wir ihnen versprochen haben. Sie müssen sich fragen, was davon die Welt tatsächlich schuldet.
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Wie sehen Sie das? Haben wir unseren Kindern zu viele Schwierigkeiten abgenommen – oder unterschätzen wir die Hürden, vor denen sie heute stehen? Ich freue mich auf persönliche Erfahrungen, auch auf begründeten Widerspruch.
Meinungsbeitrag. Nachrichtenstand: 1. November 2026. Titelbild: KI-generierte satirische Illustration.