Japan-Tagebuch 24: Von Prinz Genji zu den Laternen von Gion

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16. Oktober 2026 · Kyoto

Kurt und Anneliese in einer schmalen Gasse
Kurt und Anneliese in einer schmalen Gasse

Heute haben wir uns Kyoto zu Fuß vorgenommen. Und Kyoto uns offenbar auch. Am Abend waren wir jedenfalls ziemlich müde. Aber dazwischen lag ein Tag voller kleiner Entdeckungen, für die man sich Zeit nehmen muss: eine märchenhafte Ausstellung, schmale Gassen, alte Holzhäuser, winzige Eingänge und immer wieder etwas, das einen stehen bleiben lässt.

Am Vormittag besuchten wir im Nationalmuseum gegenüber unserem Hotel die Genji-Ausstellung. Im Mittelpunkt steht die Geschichte vom Prinzen Genji, einer der großen Klassiker Japans. Murasaki Shikibu schrieb sie vor mehr als tausend Jahren; häufig wird sie als erster Roman der Welt bezeichnet. Sie erzählt von Hikaru Genji, dem ‚strahlenden Prinzen‘, seinen Liebesbeziehungen und den menschlichen Verwicklungen am Kaiserhof. Gemälde, Handschriften und kunstvolle Gegenstände zeigen, wie weit diese Geschichte in die japanische Kultur hineingewirkt hat. Eine märchenhafte Welt – und ein besonderer Auftakt für unseren Tag in Kyoto.

Danach ging es hinaus in die Stadt. Schon die Teepause war ein kleines Bild für sich. Leuchtend grüner Matcha in einer dunklen, unregelmäßig geformten Keramikschale. Dazu Obst, sorgfältig aufgefächert, und kleine Süßigkeiten. In den Auslagen standen kunstvolle Gebilde, manche wie winzige Türmchen, andere in Schälchen oder hohen Gläsern. Hier bekommt selbst eine kleine Pause ihren eigenen Rahmen.

Dann ging es weiter durch die alten Gassen. Die Häuser stehen dicht beieinander, mit verwitterten Holzbrettern, schmalen Fenstern und Bambusrollos vor den oberen Stockwerken. Manchmal reicht der Blick nur bis zur nächsten Biegung. Gerade das macht neugierig. Was kommt dahinter?

Besonders schön war es am Wasser. Die Zweige der Weiden hängen tief über den Bach, am Ufer stehen die alten Häuser, und kleine Brücken führen direkt zu den Eingängen. Vor einem Haus mit einem hellvioletten Türvorhang war ein Mann damit beschäftigt, die Zweige eines Baumes zu schneiden. Ein ganz alltäglicher Moment in einer Umgebung, die für uns wie eine andere Welt wirkt.

Zwischendurch öffnet sich der Blick über den Fluss. Nach den schmalen Gassen plötzlich so viel Himmel und Weite. An den Ufern sitzen Menschen, andere spazieren oder fahren mit dem Rad. Auf der einen Seite drängen sich die Häuser am Wasser, gegenüber stehen Bäume, und in der Ferne sieht man die Berge. Auch das ist Kyoto: Man kommt aus einem Gewirr von kleinen Straßen und kann auf einmal weit durchatmen.

Dabei liegt das alte Japan mitten im heutigen Alltag. Vor den Holzfassaden hängen Bambusrollos, darüber ziehen sich Stromleitungen kreuz und quer durch die Luft. Gleich daneben stapeln sich die Schilder kleiner Lokale über mehrere Stockwerke. Vor einem Eingang stehen auf Puppen pastellfarbene Kimonos mit Spitze und Rüschen. Zwischen alten Teehäusern, Bars und solchen verspielten Auslagen gibt es ständig etwas Neues zu entdecken.

Eine Rikscha am Wasser: große Räder, schwarzes Verdeck und roter Stoff auf dem Sitz. Wir blieben bei unseren eigenen Füßen. Die sollten sich später noch melden.

Unterwegs auch ein kleiner Laden, in dem Anneliese an einem runden Holztisch Platz nahm. Ringsum Bilder in goldenen Rahmen, verzierte Dosen, Engel und eine alte Waage vor dem Fenster. ‚Angel Library‘ stand auf einem der Bilder. Ein verspielter, fast märchenhafter Raum, in dem sich auf wenigen Quadratmetern erstaunlich viel entdecken ließ.

Am Abend bekam Gion dann noch einmal eine andere Stimmung. Rote Laternen leuchteten vor den dunklen Fassaden, warmes Licht fiel auf das Pflaster. Die alten Teehäuser wirkten von außen zurückhaltend, fast verschlossen. Gerade dadurch beginnt die Fantasie zu arbeiten.

Die Geisha-Kultur hat für mich etwas besonders Faszinierendes. Beim Schlendern durch diese Gassen fühlt man sich in eine frühere Zeit zurückversetzt. Man schaut auf die Bambusrollos und stellt sich vor, dass dahinter vielleicht eine Geisha sitzt und uns Vorübergehende beobachtet. Wir schauen neugierig auf die Häuser – und vielleicht schaut jemand genauso neugierig zurück. Ein Gedanke, der gut zu diesem Viertel passt, das einem so viel zeigt und doch vieles verborgen hält.

Manche schmalen Privatgassen sind für Besucher gesperrt. Wenn man den Andrang sieht, versteht man das gut. Hinter diesen Fassaden leben und arbeiten Menschen. Auch in einem so bezaubernden Viertel braucht es Rückzugsorte.

Später haben wir in einem alten Teehaus sehr gut gegessen. Nach all dem Schauen und Gehen war das ein schöner Abschluss.

Anneliese hatte inzwischen schon ein wenig gestöhnt und gejammert über die viele Lauferei. Und ja, am Ende waren wir beide müde. Gion lässt sich eben leichter mit den Augen genießen als mit den Füßen.

Trotzdem: Es war jeden Schritt wert.

Unterwegs in Kyoto

Holzfassaden mit Bambusrollos
Holzfassaden mit Bambusrollos
Pastellfarbene Kimonos vor einem Eingang
Pastellfarbene Kimonos vor einem Eingang
Alte und moderne Fassaden in Kyoto
Alte und moderne Fassaden in Kyoto
Grüner Matcha in einer dunklen Keramikschale
Grüner Matcha in einer dunklen Keramikschale
Teepause mit Obst und Süßigkeiten
Teepause mit Obst und Süßigkeiten
Kunstvoll gestaltete Süßspeisen in der Auslage
Kunstvoll gestaltete Süßspeisen in der Auslage
Weidenzweige über dem Wasser
Weidenzweige über dem Wasser
Rikscha am Wasser
Rikscha am Wasser
Rikscha und Begleiter auf dem Uferweg
Rikscha und Begleiter auf dem Uferweg
Ein schmaler Restauranteingang
Ein schmaler Restauranteingang
Brücke zu einem Haus und Baumpflege am Ufer
Brücke zu einem Haus und Baumpflege am Ufer
Anneliese im kleinen Laden mit Engelmotiven
Anneliese im kleinen Laden mit Engelmotiven
Weiter Blick über den Fluss und die Uferwege
Weiter Blick über den Fluss und die Uferwege
Eine bunte Barfassade mit Spiegelung
Eine bunte Barfassade mit Spiegelung
Dessertauslage mit hohen Gläsern
Dessertauslage mit hohen Gläsern
Moderne Architektur in Kyoto
Moderne Architektur in Kyoto
Überdachte Einkaufspassage
Überdachte Einkaufspassage
Dekorative Fächer in der Auslage
Dekorative Fächer in der Auslage
Schmale Gasse am Abend
Schmale Gasse am Abend
Gion mit Laternen und alten Holzfassaden
Gion mit Laternen und alten Holzfassaden
Hinweisschild an einer privaten Gasse
Hinweisschild an einer privaten Gasse
Plakat für Gion Kagai Art Museum
Plakat für Gion Kagai Art Museum
Gion Corner im Licht roter Laternen
Gion Corner im Licht roter Laternen

Hintergrund zur Ausstellung: Kyoto National Museum – The Tale of Genji

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