Kyoto · 17. Oktober 2026 · Abend
Manchmal reist die Erwartung schon voraus und hat sich den schönsten Platz reserviert. Heute Abend war das bei mir eindeutig der Fall.
Über GetYourGuide hatte ich eine private Teezeremonie mit Kimono und Kalligraphie gebucht. In meiner Vorstellung: Anneliese und ich, ein privater Rahmen, eine Geisha und eine festliche Begegnung mit japanischer Tradition. Das war mein inneres Bild – nicht die Behauptung, dass eine Geisha in der Buchung zugesichert gewesen wäre.
Ein Kurs statt meines Kopfkinos
Tatsächlich empfingen uns zwei junge Leute im Kimono. Sie waren nett und vermittelten uns die Zubereitung von Matcha, ganz im Stil eines kleinen Lehrkurses. Wir durften selbst Kimonos anziehen und anschließend noch ein wenig Kalligraphie üben.
Am Vormittag hatte ich noch liebevoll über Touristen im Kimono geschmunzelt – ein bisschen wie unsere Preußen in Lederhosen. Am Abend stand das Einkleiden nun auf unserem eigenen Programm. Die Reise versteht sich auf kleine Pointen.
150 Euro für ungefähr eineinhalb Stunden. Freundliche Menschen, Matcha, Kimono und Pinsel: Das alles war da. Nur war es überhaupt nicht das Erlebnis, das ich mir vorgestellt hatte. Ein Mitmachkurs und eine feierliche Zeremonie sind in meinem Kopf eben zwei verschiedene Dinge.
Fünf Sterne auf Bestellung?
Befremdlich wurde es für mich am Ende: Ich fühlte mich zu einer Fünf-Sterne-Bewertung gedrängt. Dabei hätte ich meinen Eindruck gern einfach selbst eingeordnet. Die Leute waren sympathisch; meine Enttäuschung über den Abend blieb trotzdem. Beides kann nebeneinander bestehen.
So endet dieser Kyoto-Tag mit einer kleinen Lektion, die nicht auf dem Kursprogramm stand: Auch Erwartungen gehören ins Reisegepäck. Und manchmal muss man sie erst auspacken, um zu sehen, warum das Erlebte so anders wirkt als das Erhoffte.
Unsere Namen auf Japanisch – und ein anderer Blick auf den Abend
Nachtrag mit unseren Fotos und Clips vom 17. Oktober.
Zu meinem ersten Eindruck gehört auch diese Seite des Abends: Wir saßen in einem 150 Jahre alten Holzhaus, Anneliese und ich im Kimono, und lernten eine Menge. Matcha zubereiten, selbst mitmachen, anschließend Kalligraphie – langweilig war das wahrlich nicht.
Und dann standen unsere Namen auf Japanisch auf dem Papier. Selbst geschrieben! Darauf waren wir stolz. Zwischen Kimono, Teeschale und Pinsel gab es also durchaus etwas mitzunehmen – und ich meine nicht nur die Schriftblätter.
Eine Geisha gab es keine, dafür viel Lehrreiches. Das gehört genauso zu diesem Abend wie meine zunächst enttäuschte Erwartung. Unsere Bilder dürfen deshalb die andere Hälfte der Geschichte erzählen.








EN: Our morning garden visit in Kyoto on 17 October. This photograph of ours looks back at the same day; it does not show the evening tea experience.
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